Thomas Hagenhofer ist Informationswissenschaftler M.A. und arbeitet seit 2001 beim Zentral-Fachausschuss Berufsbildung Druck und Medien an innovativen Lernprojekten. Im Umfeld des Ausbildungsberufs Gestalter/-in für immersive Medien ist er seit Jahren fachlich eingebunden. In seinem Gastbeitrag geht es um die Frage, was gute Immersion ausmacht und warum starke Wirkung immer auch verantwortungsvolle Gestaltung verlangt.
Immersion: Chancen und Verantwortung
Immersive Medien sind kein Selbstzweck. Ihr zentrales mediales Qualitätskriterium ist die Immersion – also das Ausmaß, in dem Nutzer/-innen das Gefühl entwickeln, "wirklich" in eine virtuelle oder erweiterte Umgebung einzutauchen. Immersion beschreibt dabei nicht nur technische Parameter wie 6-DoF-Tracking, Latenz, Rendering-Qualität oder Spatial Audio, sondern vor allem eine subjektive Erfahrung von Präsenz: das zeitweise Zurücktreten der physischen Umgebung zugunsten einer kohärenten, glaubwürdigen medialen Welt.
Für Gestalter/-innen für immersive Medien ist Immersion damit ein Kernindikator professioneller Arbeit. Sie entsteht durch das Zusammenspiel von:
- Technischer Stabilität und Performance (geringe Latenz, sauberes Tracking),
- Narrativer Kohärenz (Storyworld, Dramaturgie, Interaktionslogik),
- Gestalterischer Konsistenz (Raum, Licht, Sound, UX),
- Plausibler Interaktion (Feedback, Handlungsoptionen, Responsivität).
Eine immersive Erfahrung ist dann gelungen, wenn sie als stimmig, bedeutsam und emotional anschlussfähig erlebt wird – ohne Brüche, die den Presence-Effekt unterbrechen.
Chancen: Lernen, Empathie, Kompetenzaufbau
Im Bildungsbereich ermöglichen immersive Medien situiertes Lernen: realitätsnahe Simulationen, gefahrloses Training komplexer Handlungsabläufe, Perspektivwechsel und erfahrungsbasiertes Verstehen. Sie können abstrakte Inhalte konkret erfahrbar machen und Motivation steigern. Für die Ausbildung im Beruf Gestalter/-in für immersive Medien bedeutet das: Auszubildende entwickeln nicht nur technische und kreative Fähigkeiten, sondern gestalten potenziell hochwirksame Lern- und Erfahrungsräume. Genau darin liegt die Stärke – und die Verantwortung – dieses Berufs.
Verantwortung: Emotionale Überwältigung und Missbrauchspotenzial
Je stärker die Immersion, desto größer die Wirkung. Und damit auch das Risiko. Immersive Anwendungen können:
- intensive Angst- oder Stressreaktionen auslösen,
- emotional überfordern,
- traumatische Inhalte verstärken,
- gezielt Stimmungen und Einstellungen beeinflussen.
Durch hohe Präsenz und multisensorische Ansprache steigt die Suggestivkraft. Das eröffnet ein Missbrauchspotenzial, etwa durch manipulative Dramaturgie, Einstellungen beeinflussende Designs, verdeckte Verhaltenslenkung oder intransparente Datennutzung.
Für angehende Gestalter/-innen stellt sich daher eine doppelte Leitfrage: Wie erreiche ich eine starke Immersion – und wo ziehe ich bewusst Grenzen?
Professionelle Gestaltungskompetenz umfasst neben Technik und Ästhetik auch medienethische Reflexion, Datenschutzbewusstsein, Transparenz in der Interaktionsarchitektur und Sensibilität für psychische Belastungsgrenzen.
Der Beutelsbacher Konsens als ethischer Maßstab
Gerade im Kontext von Bildungsanwendungen ist eine weitere normative Orientierung zentral: der Beutelsbacher Konsens. Er formuliert drei Leitprinzipien politischer Bildung, die sich unmittelbar auf immersive Lernumgebungen übertragen lassen:
- Überwältigungsverbot
Lernende dürfen nicht im Sinne erwünschter Meinungen oder Haltungen "überrumpelt" werden. → Für immersive Medien bedeutet das: Keine manipulative Dramaturgie, die durch emotionale Intensität kritische Distanz ausschaltet. - Kontroversitätsgebot
Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers dargestellt werden. → Immersive Szenarien sollten Perspektivenvielfalt ermöglichen und nicht einseitig Weltbilder inszenieren. - Schülerorientierung (Interessenorientierung)
Lernende sollen in die Lage versetzt werden, ihre eigene Interessenlage zu analysieren und zu vertreten. → Interaktive Gestaltung kann Reflexion fördern, statt nur vorgegebene Narrative zu inszenieren.
Gerade weil immersive Medien emotional besonders wirksam sind, ist das Überwältigungsverbot von hoher Relevanz. Eine VR-Anwendung kann durch Atmosphäre, Sounddesign und Perspektivführung Einstellungen stärker prägen als ein Text oder Video. Diese Wirkungsmacht verpflichtet.
Impuls zur Diskussion: Verantwortung als Ausbildungsziel
Für Ausbilder/-innen und Berufsschullehrkräfte ergibt sich daraus eine zentrale Aufgabe: Wie können wir Auszubildende dazu befähigen, immersive Medien wirkungsvoll – und zugleich verantwortungsvoll – zu gestalten?
Konkrete Ansatzpunkte:
- Ethik systematisch integrieren
Bewertungskriterien in Projekten sollten neben Immersionsgrad auch Transparenz, Fairness und Reflexionsmöglichkeiten umfassen. - Wirkungsanalysen durchführen
Welche Emotionen werden ausgelöst? Welche Narrative dominieren? Wo besteht Manipulationsgefahr? - Den Beutelsbacher Konsens explizit anwenden
Besonders bei Bildungsprojekten sollte geprüft werden, ob Überwältigung vermieden, Kontroversität abgebildet und Eigenständigkeit gefördert wird. - Reflexionsphasen fest einplanen
Nach Tests immersiver Anwendungen sollten nicht nur Usability, sondern auch emotionale und ethische Aspekte diskutiert werden. - Interdisziplinäre Perspektiven einbeziehen
Psychologie, Medienpädagogik und Ethik erweitern den professionellen Blick.
Immersion ist eine gestalterische Meisterleistung – aber sie ist immer auch Einflussnahme. Wer immersive Medien entwickelt, formt Erfahrungsräume mit hoher Wirkkraft.
Die Qualität einer immersiven Anwendung bemisst sich daher nicht allein an technischer Perfektion oder maximaler Präsenz, sondern ebenso an ihrer ethischen Integrität. Genau diese Verbindung aus Gestaltungskompetenz und Verantwortungsbewusstsein sollte Leitbild der Ausbildung sein.
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