Nicht aus jedem guten Klavierunterricht kann ein Wolfgang Amadeus Mozart hervorgehen. Ebensowenig kann aus jedem Menschen eine erfolgreiche Unternehmerin / ein erfolgreicher Unternehmer werden - und sei das Methodenset noch so differenziert. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es möglich ist, unternehmerische Potenziale durch geeignete Methoden so zu fördern, dass unternehmerische Qualifikationen wie der Grad an Selbstständigkeit, bestimmte Kommunikationsfähigkeiten, Verantwortungsbereitschaft etc. deutlich gesteigert werden können.
Um eine möglichst tiefe handlungs- und verhaltensbezogene Verinnerlichung zu erzielen, müssen Methoden herangezogen werden, die
- das planvolle Handeln fordern und fördern
- in realitätsnahen und sozialen Kontexten realisiert werden
- Ergebnisse zum Ziel haben, die einen wirklichen Gebrauchswert darstellen. (vgl. Dewey und Kilpatrick)
Die Methodenkonzepte Juniorfirma und Projektarbeit erfüllen diese Anforderungen und versprechen insbesondere mit Blick auf die Förderung der unternehmerischen Selbstständigkeit einen wirkungsvollen Beitrag. Im Folgenden werden sie kurz vorgestellt.
Eine Juniorfirma ist ein Betrieb im Betrieb. Die Auszubildenden führen die Juniorfirma eigenverantwortlich in Strukturen und mit Aufgabenstellungen, wie sie auch im wirklichen Unternehmen vorkommen. Wichtige Unterscheidungsmerkmale zu anderen Ausbildungsmethoden: Die Juniorfirma arbeitet mit realen Budgets, produziert tatsächlich Waren oder erbringt Dienstleistungen (kostendeckend oder ertragsorientiert). In der Regel ist eine Juniorfirma auf Dauer angelegt - zumindest dann, wenn es sich um betriebliche und nicht um schulische Juniorfirmen handelt. Die Juniorfirma kann darüber hinaus auch als eigene juristische Person (GmbH, AG o.a.) konstituiert werden.
Ausbildungspersonal moderiert statt zu belehren
Das Ausbildungspersonal tritt im Rahmen der Juniorenfirma üblicherweise in einer zurückhaltenden Moderatorenrolle auf. Alle Tätigkeiten wie Planen, Informieren, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren und Auswerten sollten möglichst auf die Auszubildenden übertragen werden.
Fehler sind durchaus erwünscht und Anlass für reflektierende Gespräche, beispielsweise im Rahmen von regelmäßigen "Betriebsversammlungen", in denen das Ausbildungspersonal hinzugezogen wird. Vorauseilender Rat oder gar aktive Mitsteuerung der diversen Prozesse, womit versucht werden soll, mögliche Fehlentscheidungen und Konflikte im Vorfeld zu vermeiden, ist eher kontraproduktiv und verhindert die Entwicklung von Fertigkeiten und Fähigkeiten bei den Auszubildenden.
Praktische Schritte zur Juniorfirma
Wenn der Impuls zur Einrichtung einer Juniorfirma aus der Ausbildungsabteilung kommt, muss die Geschäftsführung des "Mutterunternehmens" für den eigenen Plan gewonnen werden. Letztlich funktioniert dies jedoch nicht anders als im "wirklichen" Gründerleben: Zunächst wird ein Business-Plan erstellt. Schon in dieser Phase werden in erheblichem Umfang Fähigkeiten erworben, die mit den eingangs genannten Lernzielebenen korrespondieren.
In weiteren "betrieblichen" Abläufen, die auf die Gründungsphase folgen, werden die sozialen und methodischen Qualifikationen bedeutsam, weil dann vermehrt situativ gearbeitet wird und auf strategische Fehleinschätzungen und operative Fehler oftmals konfliktträchtige Situationen folgen, die die sozialen und methodischen Kompetenzen stärker fordern.
Nicht immer ist es möglich ein Ausbildungsszenario zu entwickeln, wie es am Beispiel der Juniorfirma dargestellt wurde. In kleinen Ausbildungsbetrieben fehlt die Menge der Auszubildenden, um sehr zergliederte arbeitsteilige Prozesse darzustellen. Es fehlt vielleicht auch an einer entsprechenden Mischung aus kaufmännischen und gewerblich-technischen Ausbildungsberufen. Möglicherweise fehlt es aber einfach auch an der notwendigen Zeit.
Liegen solche Ausgangsbedingungen vor, ist es gegebenenfalls sehr schwierig, ein auf Dauer und Komplexität angelegtes Ausbildungsprojekt durchzuführen. In diesem Fall muss auf die Förderung der eingangs genannten Kompetenzen dennoch nicht gänzlich verzichtet werden. Mit Hilfe von Projekten lassen sich einige der Ziele, insbesondere die Förderung selbständigen Handelns, ebenfalls verfolgen.
In der heutigen Ausbildungspraxis findet man Teile der Projektmethode insbesondere in Berufsausbildungen, die Kreativität und ein erhebliches Maß an Problemlösekompetenzen in komplexen sachlichen Zusammenhängen verlangen. Am Ende der Ausbildung zur IT-Kauffrau / zum IT-Kaufmann werden Projektarbeiten als Teil der Prüfungsleistung abgegeben. Mitunter müssen sie hier auch mündlich vorgetragen und "verteidigt" werden. Teile der Projektmethode tragen diese Ansätze deshalb, weil sie häufig nur im Rahmen der Prüfung zur Geltung kommen und weil es schlussendlich betrachtet Ergebnisse sind, die auf der Basis individualisierter Arbeits- und Lernprozesse realisiert werden.
Der soziale Charakter, der die Projektmethode kennzeichnen sollte, ist häufig nur sehr schwach entwickelt. Es wird auch in Zukunft nicht sicherzustellen sein, dass alle mit der Projektmethode in idealtypischer Form verbundenen Ziele realisiert werden können. Selbst wenn in einem Betrieb nur eine Auszubildende / ein Auszubildender ausgebildet wird, können mit den anderen Teilaspekten der Projektmethode schon große Fortschritte - beispielsweise mit Blick auf die Lern- und Arbeitsmotivation und auch mit Blick auf selbstverantwortliches, zielgerichtetes Handeln - erzielt werden.
Grob können vier zentrale Phasen in der berufspädagogischen Projektarbeit unterschieden werden:
- Vorbereitungs- und Einstiegsphase
- Planungsphase
- Realisationsphase
- Auswertungs- und Reflexionsphase
Im Folgenden wird ein Beispiel zeigen, wie insbesondere selbstverantwortliches und selbstständiges Handeln im Verlauf einer Medienproduktion gefördert werden können. Kaufmännische Teilaspekte sind in diesem Zusammenhang weniger von Bedeutung als dies beim Konzept Juniorfirma der Fall ist. Es ist aber auch nicht immer möglich und manchmal auch nicht wünschenswert, alle Teilaspekte unternehmerischer Selbstständigkeit in einem Projekt zu realisieren. Es ist durchaus sinnvoll, in verschiedenen Projekten - verteilt über die Ausbildungszeit - mit immer neuen Akzenten die Gesamtpalette der Bildungsziele anzusprechen.
Arbeitsaufgaben strukturieren, abstimmen und verbindlich zuweisen
In der Vorbereitungs- und Einstiegsphase geht es im Ergebnis um die Diskussion und verbindliche Definition des Projektauftrages. Es ist dabei wichtig:
- den zeitlichen Rahmen,
- die Arbeitsteilung sowie
- die organisatorischen Abläufe zwischen den Teilaufgaben eindeutig und klar zu definieren und verbindlich festzulegen.
In einer Medienagentur soll ein "multimedialer Golfregeltrainer" in Kooperation zwischen einem Textautor, einem Filmteam und einem Mediendesigner unter Führung eines Art Directors als App produziert werden.
Die / der Auszubildende wird als vollwertige Mediendesignerin / vollwertiger Mediendesigner für die operative Umsetzung im Bereich Grafikgestaltung, Bild- und Filmbearbeitung und Programmierung integriert, nimmt an der Initialsitzung teil, bei der der Projektauftrag klar umrissen und die Arbeitsaufgaben mit entsprechender Zeitvorgabe zugewiesen werden.
Beratend steht der / dem Auszubildenden der "Art Director" (Ausbildungspersonal) während zur Verfügung, allerdings in einer passiven Rolle, die nur dann aktiviert wird, wenn die / der Auszubildende selbst nachfragt. Dann können Hinweise auf mögliche Quellen gegeben werden, die zur Problemlösung herangezogen werden können. Ansonsten obliegt dem "Art Director" die Führung des Gesamtteams, und zwar so, dass die / der Auszubildende als reguläre Arbeitskraft allseitig anerkannt und auch respektiert wird.
Arbeitsziele ausarbeiten und Arbeitsschritte planen
In der Planungsphase werden die Arbeitsziele je Arbeitsgebiet weiter differenziert. Diese Arbeit geschieht auf Basis der groben gemeinsamen Zielplanungen des Teams zunächst selbstverantwortlich in jedem Arbeitsgebiet. Des Weiteren geht es darum, die Abfolge einzelner Arbeitsschritte zu klären und sich damit auseinanderzusetzen, welche Voraussetzungen geschaffen sein müssen, um das Projekt erfolgreich realisieren zu können. Natürlich geht es darum, wenn nötig diese beispielsweise räumlichen oder infrastrukturellen Voraussetzungen selbst zu schaffen.
Das Projekt "Golfregeltrainer" wurde auf einen Projektzeitraum von drei Monaten beschränkt. Als erster "Meilenstein" im Rahmen der globalen Projektplanung wurde die Erstellung eines Prototypen verabredet, der nach zwei Wochen fertig sein sollte.
Die Auszubildenden haben die Aufgabenstellungen für diesen Zeitraum und deren Abfolge selbst zu definieren und die Voraussetzungen für die folgende Produktionsphase zu klären. Ergebnisse der Überlegungen (beispielsweise ein so genanntes Scribble des Erscheinungsbildes der App-Oberfläche mit Farbwahl, Wahl der Typografie, grundsätzlicher Aufbau der Oberflächenstruktur, der Menuführung etc.) werden in einer Teamsitzung zu Anfang der Prototypphase schriftlich als Präsentation vorgelegt und mündlich erläutert.
Selbstverantwortliche Ausarbeitung von Lösungen
In der Realisationsphase für den Prototypen werden die gesetzten und abgestimmten Teilziele Schritt für Schritt realisiert und zunächst nach eigenen Gütekriterien kontrolliert. Gegebenenfalls wird die Hilfe des Gesamtteams oder des Art Directors beansprucht.
Eigenständig programmieren die Auszubildenden (Mediendesigner) einen Layoutentwurf mit interaktiven Funktionalitäten, so dass ein realistisches Bild des späteren Produktes entsteht. Sie kommunizieren aktiv mit den anderen Teammitgliedern und verwerten Zug um Zug die zugelieferten Medienobjekte, Texte und Grafikentwürfe. In Abstimmung mit den festgelegten Gütekriterien wird das Gesamtbild geprüft, das nun sukzessive entsteht. Eventuelle Probleme werden entweder eigenständig gelöst oder, wenn Grundsätze der Entwicklungs-"philosophie" berührt werden, im Rahmen von regelmäßig stattfindenden kurzen Teamsitzungen zur Kenntnis gegeben und lösungsorientiert diskutiert.
Selbstständige Präsentation von Arbeitsergebnissen
Die Abschlussphase dient dazu, auf den vollzogenen Gesamtprozess zurückzuschauen und ggf. Optimierungsmöglichkeiten für die Prozessabläufe zu identifizieren, die dazu dienen, zukünftig Zeitverzögerungen und Konflikte zu vermeiden.
Bestenfalls wird der geschaffene Prototyp des "Golfregeltrainers" aus den verschiedenen arbeitsteiligen Perspektiven von allen Beteiligten der verantwortlichen Projektleiterin / dem verantwortlichen Projektleiter (ggf. auch einem Kunden) präsentiert. Ziel ist die Projektabnahme, sodass im Produktionsprozess in der Breite weiter gearbeitet werden kann oder das Projekt zu einem Abschluss kommt. Wichtig ist, dass zu diesem Zweck auch eine ausführliche Dokumentation der Arbeitsergebnisse vorgenommen wurde, damit ein Abnahmeprozess qualifiziert vollzogen werden kann.
Sowohl die Methode "Juniorfirma" als auch die Projektmethode sind als Anregung zu verstehen, um mehr Handlungsorientierung in der beruflichen Ausbildungspraxis zu gewährleisten.
Bei der Juniorfirma, die auch im kleineren Rahmen als Projekt "Eine Abteilung eigenständig leiten" gut umgesetzt werden kann, wird eine realitätsnahe Lernwelt eröffnet, die den Auszubildenden in starkem Maße die gesamte Unternehmenswelt in ihren betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen erfahrbar werden lassen.
Mit der Projektmethode lassen sich Teilprojekte auch für Einzelauszubildende oder kleine Ausbildungsgruppen realisieren, die zwar nicht die Reichweite der Ziele einer Juniorfirma erreichen, dafür aber, wenn sie in der betrieblichen Wirklichkeit stattfinden, eine starke Wirkung auf die Förderung der selbstverantwortlichen Arbeit entfalten.
Unternehmerische Selbstständigkeit in der Berufsau